Di, Aug 21, 2018

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Zur älteren Geschichte von Lich-Steinstraß

Von Theo Hamacher

[Entnommen aus Rur-Blumen (Beilage zum Jülicher Kreisblatt) – Nr. 50 – 1926]

 

Über die Geschichte von Lich und Steinstraß ist im Allgemeinen wenig bekannt. Die Entstehung der beiden Dörfer

ist dunkel; es dürfte aber Tatsache sein, dass Lich das ältere Dorf ist und Steinstraß als Tochtersiedlung von Lich später entstanden ist. An der von der Römerzeit her bestehenden, mit Steinen gepflasterten Straße Köln – Aachen, siedelten sich Lich gegenüber Leute an, die von den Bewohnern Lichs als die „op der steene Stroß“, „auf der Steinstraße“ bezeichnet wurden.

Über die Entstehung Lichs erzählt der Volksmund recht witzig, dass es seit Erschaffung der Welt dagewesen sei. Damals habe Gott gesagt: „Es werde Lich!“ Und es wurde Lich.

Das erste historische Volk unserer weiteren Heimat waren die Kelten. Sie lebten bereits Jahrhunderte vor Christi Geburt in unseren fruchtbaren rheinischen Gefilden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie auch schon die Lich-Steinstraßer Gegend bewohnt haben; nur fehlen bisher die Beweise dafür.

Wenn man allein in dem Namen „Lich“ Anhaltspunkte für das Dasein einer solchen keltischen Siedlung suchen will, so ist das gewagt, denn die ganze Ortsnamendeutung ohne weitere Beweisgründe ist ein Spiel mit Möglichkeiten.

Man leitet den Namen von dem keltischen Bachnamen „lica“ ab. Ein solcher Bach sei früher in breiter Flut aus dem Walde kommend in Richtung Oberembt geflossen. Tatsächlich zieht sich heute noch ein tiefer Wassergraben, der bei starken Regengüssen das aus dem Walde kommende Wasser kaum zu fassen vermag, vom Walde an Lich vorbei in Richtung Oberembt hin. Das mag die alte, jetzt namenlose keltische „lica“ sein. Es besteht also die Möglichkeit, dass Lich von dieser ehemaligen Bachbezeichnung seinen Namen hat. Ob aber zur Keltenzeit an der „lica“ schon eine Siedlung bestanden hat, ist unbekannt.

Andere Forscher leiten den Namen von dem bretonischen (keltischen) „léch“ = „Stein“ ab, wieder andere von dem lateinischen „lacus“ = „Sumpf“. Die Herleitung von „Lichtung im Walde“ hat sprachliche Bedenken. Die größte Wahrscheinlichkeit bietet die erste Deutung.

[ … ]

Im 4. Jahrhundert brach wie überall auch über die Lich-Steinstraßer Gegend das Unheil herein. Die Franken überfluteten das römische Rheinland, jagten das römische Heer von dannen, zerstörten in blinder Vernichtungswut einen großen Teil der prachtvollen Römerbauten und Gutshöfe, verwüsteten die blühenden Ackerfelder und machten die Bewohner zu Sklaven. Zweihundert Jahre dauerten die Kämpfe um dieses hochkultivierte Gebiet. [ … ] Auf den Trümmern der zerstörten Gebäude begann ein Wald zu wuchern, um den sich bei der allgemeinen Unsicherheit keiner kümmerte: Der heute noch stehende Bürgewald, der heutige Hambacher Forst und die im vorigen Jahrhundert abgeholzte Eschergewähr. So ging eine blühende, der Zeit um 1000 Jahre vorausgeeilte Kultur teilweise zu Grunde. In der letzten Zeit ihrer Kämpfe wurden die Franken allerdings berechnender. Sie machten sich sesshaft und traten das Erbteil der Römer an, wo es ihrer früheren Zerstörungswut noch nicht zum Opfer gefallen war. Dadurch blieb eine wichtige Verbindung zwischen Römertum und Frankenzeit erhalten. Für die Erhaltung der Kultur und besonders althergebrachter Orts-, Fluss- und Flurnamen sorgten die noch vorhandenen keltisch-ubischen Sklaven. So ist es möglich, dass auch das keltische Wort „lica“ erhalten blieb und, als sich zur Frankenzeit oder etwas später an diesem Gewässer eine geschlossene Dorfsiedlung bildete, auf das Dorf übertragen wurde. Reste aus fränkischer Zeit, die in Rödingen in den Frankengräbern so überaus zahlreich gefunden wurden, sind ebenfalls bei Lich festgestellt, wenn auch bisher nur in wenigen Scherben. [ … ]

Jedenfalls hat um 800, zur Zeit Karls des Großen, das Dorf Lich existiert. Um diese Zeit wurde nach der bekannten Legende der Bürgewald durch Vermittlung des heiligen Arnoldus den angrenzenden Dorfbewohnern geschenkt, u. a. auch denen von Lich. Ob die Legende, so wie sie ist, auch geschichtlich ist, bedarf noch einer genaueren Klärung. [ … ] Die älteste Aufzählung der am Walde beteiligten Ortschaften stammt erst aus späterer Zeit, dem 12. Jahrhundert. Unter den 20 dort genannten Orten befinden sich auch „Ligch“, während die auch berechtigten Steinstraß, Bettenhoven, Höllen und Rödingen nicht aufgezählt sind. Daraus könnte geschlossen werden, dass diese Ortschaften damals noch nicht bestanden hätten; für Rödingen und Bettenhoven ist aber eine weit frühere Existenz erwiesen. Ob Steinstraß Anfang des 12. Jahrhunderts als Dorfverband mit eigenem Namen bestand, wage ich nicht zu behaupten. [ … ]

Für die Bewohner von Lich-Steinstraß bildete der Wald ehedem fast die einzige wirtschaftliche Erwerbsquelle, und selbst im Mittelalter war er noch Zentralpunkt des bäuerlichen Denkens und Wünschens. Er lieferte ihnen Holz zum Bauen und zum Brennen, Gras und Weide und Streu für das Vieh, Reiser zum Besenbinden, Eicheln und Eckern für die hochwichtige Schweinemast und Wild für den Haushalt.

Urkundlich erwähnt wird Lich zuerst im Jahre 1106. Als Namenformen findet man: Lich, Lig, Ligch, Lijch, Lyche, Lycht, Leych, Lych und Leich.

Im Vorfeld der Erschließung des Tagebau Hambach und der Umsiedlung des Doppelortes Lich-Steinstraß wurden in der näheren Umgebung zahlreiche Ausgrabungen durchgeführt. Es wurden einige Fundamentreste, die bis in die Römerzeit datiert wurden, gefunden.

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